Digitalisierung in Arztpraxen

Digitalisierung für den Patienten – effiziente Ressourcenverteilung durch Softwarelösungen

Wie steht es um die Digitalisierung in deutschen Arztpraxen? Dieses Thema ist bei InnovaPrax, einer Unternehmensberatung aus Köln, ein immer wiederkehrendes Thema. Aus diesem Grund wurden eine Befragung und Auswertung im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit mit der Hochschule Rhein Waal durchgeführt. Die Fragestellung behandelte nicht nur den aktuellen Stand der technischen Entwicklung, sondern auch die Akzeptanz unter den MFA — mit zum Teil überraschenden Ergebnissen.

Digitalisierung als Lösung gegen den Fachkräftemangel?

Eine statistische Weisheit hängt über dem Gesundheitswesen wie ein Damoklesschwert: Die Bevölkerung wird immer älter! Das statistische Bundesamt prophezeit, dass sich die Zahl der Hochbetagten bis zum Jahr 2060 verdoppeln wird. Damit einhergehend wird ein Anstieg der medizinischen Behandlungsfälle erwartet. Doch bereits heute trifft der Fachkräftemangel insbesondere Arztpraxen, Zahnarztpraxen und Patienten, vor allem im ländlichen Bereich. Politik, Ärzteschaft, Patienten, Kassen und technische Dienstleister stehen also vor der Herausforderung, den Mangel an Kräften gegenüber einer stetig wachsenden Fallzahl zu kompensieren und gleichzeitig allen Hilfsbedürftigen angemessene, medizinische Hilfe zu Teil werden zu lassen. Hierzu können neue digitale Strukturen ein wichtiges Hilfsmittel werden, um Ärzte wie Fachkräfte im Praxisalltag zu entlasten und die Ressourcen effektiv auf die Patienten zu verteilen.

Digitalisierung in der Arztpraxis — mehr als nur das Praxisinformationssystem

Hand auf’s Herz, wie steht es in Ihrer Praxis um die Digitalisierung. Ihre Abrechnungen werden seit Jahren über die gängigen Softwarelösungen für GOÄ oder EBN erledigt. Aber dann? Digitalisierung umfasst deutlich mehr als die finanzielle Absicherung der Praxis. Die Erstellerin der Arbeit beschreibt eingehend die vielfältigen Einsatzfelder. Neben der Abrechnung geht sie explizit auf die Praxisverwaltung und ‑organisation ein. Seit 2019 stehen Arztpraxen in der Pflicht, Telematikstrukturen vorzuhalten. Diese sollen nicht nur die schnelle und effiziente Kommunikation mit den Kostenträgern sicherstellen. Ebenso sieht der Gesetzgeber vor, dass Stammdaten elektronische Arztbriefe oder Medikations‑, Arzneimittelverordnungs- und Therapievorschlagsdaten sicher verwaltet und einheitlich durch die Anwender abrufbar sind. Eine prüfbare Verbesserung der Patientensicherheit war eins der Ziele der neuen Regeln. In relativ kurzer Zeit wird sich zeigen, ob insbesondere Schnittstellenprobleme in der Kommunikation mit Haus- und Facharztpraxen und übernehmenden oder entlassenden Kliniken und anderen Behandlern durch eine gesetzlich verordnete Kommunikationsstruktur beheben lassen konnten. Doch auch vermeintlich banale Handlungen können durch digitale Lösungen im Arbeitsalltag beschleunigt werden. Insbesondere in der logistischen Praxisverwaltung und dem Bestellwesen haben sich in vielen Praxen bereits Softwarelösungen mit Hardwarekomponenten durchsetzen können. Durch eine kontinuierliche Mengen- und Bedarfsüberwachung können materielle Ressourcen bedarfsgerecht eingesetzt und bestellt werden. Dies ist auch im Sinne der Nachhaltigkeit fortschrittlich. Geht es um Hygiene und Arbeitssicherheit können QM-Protokolle und Dokumente digital archiviert und gelenkt werden, so dass das gesamte Praxispersonal jederzeit die entsprechenden Maßnahmen einsehen und umsetzen, sowie dokumentieren kann. So kann die Arztpraxis ihr Wissen organisieren und Abläufe transparent machen. In den vergangenen Jahren hat sich der Bereich der eHealth und Telematik in der Medizin einen hohen Stellenwert erkämpft. So testen Kliniken, ob eine Triage bereits über Online-Sprechstunden erfolgen und somit Notaufnahmen entlastet werden können. Telenotärzte unterstützen den Rettungsdienst in Testgebieten wie um Aachen, Greifswald oder den nordfriesischen Halligen. Es tut sich viel in Puncto Digitalisierung.

“Wie steht es um Ihre Praxis?”- Umfrage offenbart Handlungsbedarf

Mit Hilfe einer Online-Befragung unter MFA und Arzthelferinnen hat sich die Erstellerin einen Überblick über den aktuellen Stand der Digitalisierung in Arztpraxen verschafft. Die Umfrage war auf mehreren berufsgruppenspezifischen Online-Portalen zugänglich. Insgesamt beteiligten sich 130 MFA und Arzthelferinnen im Alter zwischen 18 und 60 Jahren an der Umfrage. Die Mehrheit der Befragten bewegte sich in der Altersgruppe zwischen 30 und 49 Jahren. Der überwiegende Teil entfiel auf Vollzeitkräfte, die meisten davon waren in der Anmeldung tätig, ein weiterer signifikanter Anteil entfiel auf die Behandlungsassistenz. Rund 30 Prozent der teilnehmenden MFA arbeiteten in Praxen in Nordrhein-Westfalen, jeweils rund 15 Prozent aus Baden-Württemberg und Niedersachsen und 14 Prozent kamen aus Bayern. Auf die übrigen Bundesländer entfielen eher marginale Anteile. Überraschenderweise gaben immer noch einige MFA an, dass sie in der Praxis keinen Zugang zum Internet hätten. Dies verwundert angesichts der neuen gesetzlichen Vorgaben.

Die größten Anwendungsbereiche digitaler Lösungen entfielen auf die Patientenabrechnung, gefolgt von der Patientendokumentation und der Praxisverwaltung. Nur 73 Prozent gaben an, dass sie sich in der Terminverwaltung digital unterstützen lassen. Weit abgeschlagen mit nur 23 Prozent lagen digitale Lösungen in der Arbeitssicherheit. Laborwesen und QM hielten sich im Mittelfeld auf.

Spannend waren die Antworten auf die Frage, welchen Stellenwert die Teilnehmer der Digitalisierung in der Arztpraxis beimessen. Für mehr als 56 Prozent ist die Digitalisierung zwingend notwendig, für knapp 42 Prozent hilfreich. Nur 1,71 Prozent der Befragten sahen die Nutzung digitaler Mittel als nicht so wichtig an.

Rund 60 Prozent schätzten den technischen Stand ihrer Praxis als ausreichend ein, fast 40 Prozent hingegen sagten hingegen, dass ihre Praxis noch nicht ausreichend digitalisiert sei.

Als “Hindernis” der Digitalisierung gaben insgesamt 14 Teilnehmerinnen an, dass ihr Arbeitgeber den technischen Fortschritt behindern würde, bei anderen standen Probleme in der Infrastruktur und im Datenschutz einer erfolgreichen Digitalisierung im Wege. Vorrangig große Arztpraxen und MVZ nutzen die digitalen Möglichkeiten, um die Personalverwaltung, Dienstplanung und Arbeitssicherheit zu unterstützen

“Wählen Sie die notwendigen Cookies!” — Fallstrick Datensicherheit

MFA kennen den Bogen aus Ihrer täglichen Praxis. Zur digitalen Weitergabe und Nutzung von Daten müssen die Patienten ihr Einverständnis erklären. Nach der DSGVO-Hysterie im Mai 2018 blieben viele Prozesse in einem Feld zwischen Angst und Unwissenheit stecken. Obwohl die Gesetzeslage bereits Jahre vor dem Stichtag bekannt war, wurden die meisten Gesundheitsdienstleister von den Anforderungen der DSGVO kalt erwischt. Neben Stilblüten, wie dem nicht namentlichen Aufrufen der Patienten, herrschte insbesondere bei der digitalen Verarbeitung von Patientendaten eine große Verunsicherung. Durch die Länderhoheit in Teilen der Datenschutzgesetzgebung wird eine einheitliche Aussage zu datenrechtlichen Fragestellungen erschwert. Immer schwingt auch die Angst des Datenmissbrauchs mit. Jüngste Veröffentlichungen zu Datenpannen schüren auch bei den Patienten Ängste über ihre Datensicherheit. Zu nennen wäre hier der zuletzt aufgetretene Skandal über mehrere Tausend im Netz abrufbare Röntgen- und CT-Bilder. Die IT-Unternehmen sind in der Pflicht, sichere Lösungen für den täglichen Gebrauch zu finden und regelmäßig zu aktualisieren. Für Hacker stellt eine vermeintlich sichere Software nur einen Anreiz für eine neue Challenge dar. Gerade im sensiblen Bereich von Gesundheitsdaten sind Lecks eine vertrauenszerstörende Behinderung auf dem Weg zu einer digitalen Anbindung. Das Misstrauen gegenüber Ärzten, Versicherungen und Behörden im Hinblick auf den Gesundheitsstatus des Einzelnen wird dadurch geschürt.

Zurück in die Zukunft

Der Arbeit liegen Umfragewerte aus dem Jahr 2018 zu Grunde. In der Literaturrecherche finden sich Quellen deutlich älterer Jahrgänge. Vor dem Hintergrund der neuen Gesetzeslage und der rasanten Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz in medizinischen Unterstützungssystemen dürfte sich in den vergangenen zwei Jahren erhebliche Veränderungen ergeben haben. Die Anstrengungen ländlicher Kommunen haben zu einer deutlichen Verbesserung in der Infrastruktur geführt, so dass vielerorts tragfähige Glasfasernetze zur Verfügung stehen. In diesen Bereichen wird es zu einer besseren Anbindung der Arztpraxen an das Datennetz gekommen sein.

Was genau fehlt, um eine flächendeckende und umfassende Digitalisierung zu erreichen, wird allerdings in der Studie deutlich: Strategie und Know How sind die Zauberwörter. Der Strauß der technischen Möglichkeiten ist bereits heute so bunt und vielfältig, dass viele Praxen vor der Qual der (Aus-)Wahl stehen. Sinnvoll ist eine genaue Analyse der Bedürfnisse und der wichtigen Prozesse aller vertretenen Berufsgruppen in der Praxis, um eine digitale Strategie zu entwickeln. Ebenso müssen die üblichen Schnittstellen zu Leistungserbringern geprüft werden. Bislang lassen sich regionale Vernetzungsstrukturen erkennen, überregionale Netze liegen nur im Bereich des Abrechnungs- und Buchhaltungswesens vor. Politische Anreize und Verbesserungen der Infrastruktur sind weitere Motoren der Digitalisierung. Hierbei lassen sowohl Bundestag als auch Länderparlamente eine stringente Verfolgung digitaler Ziele noch vermissen.